KIT-Konzertchor

Mit der Weltsprache Musik im Gepäck: Die Reise des Karlsruher KIT Konzertchores und der KIT Philharmonie nach Nottingham vom 1. bis 5. Oktober 2019 mit einer Aufführung von Ethel Smyths Messe in D

Ein Zeichen für 50 Jahre Städtepartnerschaft Karlsruhe – Nottingham.

Frauenpower und europäische Freundschaft: Die Motivation zur Reise und Werkauswahl

Der Zeitpunkt dieser Konzertreise und die Wahl des Werkes, welches in Nottingham zur Aufführung kam, war alles andere als zufällig und von langer Hand von unserem Dirigenten Nikolaus Indlekofer geplant: Anlässlich der 50-jährigen Städtepartnerschaft zwischen Karlsruhe und Nottingham im Jahr 2019 fiel die Wahl auf die Messe in D der britischen Komponistin Ethel Smyth, die am 18. Januar 1893 in der Londoner Royal Albert Hall uraufgeführt wurde.

Außerdem war 2019 das hundertjährige Jubiläum des Frauenwahlrechts in Deutschland. Ethel Smyth, die sich ihre Komponistinnenkarriere hart erkämpfen musste, setzte sich bis zum Beginn des ersten Weltkrieges für genau dieses zentrale, demokratische Recht ein. Sie nahm dafür nicht nur eine Gefängnisstrafe in Kauf, sondern setzte ebenso ihre künstlerische Kreativität für die Sache ein: Mit ihrem March of Women lieferte sie der englischen Frauenrechtsbewegung eine starke Hymne.

Ein weiterer Beweggrund dieser Reise: Der Konzertchor und die Philharmonie des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) wollten – vor allem angesichts der Brexit-Bemühungen in diesem Jahr – mit der Werkaufführung einer britischen Komponistin ein Zeichen der Völkerverständigung und Verbundenheit zwischen zwei europäischen Städten mit einer 50-jährigen Partnerschaftsgeschichte setzen. Diesen Aspekt verstärkten auch die Beteiligten aus Nottingham: So unterstützten Musiker des
Robin-Hood-Youth-Orchestra Nottingham sowie Musiker aus London die Philharmonie bei unserem Konzert. Nachdem der Carlton Male Voice Choir Nottingham bereits im Mai 2018 ein begeisterndes Gastspiel in Karlsruhe gab, trug er ebenfalls organisatorisch zur Nottingham-Konzertreise bei und gestaltete nicht zuletzt die erste Hälfte des Konzertes am 4. Oktober in der Kirche St. Marys in Nottingham.

Ethel Smyth
Ethel Smyth
Carlton_Male_Voice_Choir
Carlton Male Voice Choir

Von Finanzen, Organisation und gut gepackten Koffern: Wenn viele eine Reise tun, dann gibt es Vielerlei zu erledigen.

Bereits im November 2018 begann das engere Organisationsteam um Florian Ehmele, Marc Leinweber, Jan Bader, Stefan Meyer und Tobias Schlun mit den vielfältigen Vorbereitungen rund um die Reise. Zu diesen gehörten die Auswahl eines geeigneten Transportmittels, die Suche nach einer adäquaten Unterkunft sowie die technische Umsetzung der Online-Reiseanmeldung. Eine weitere Gruppe um Barbara Eichler, Nikolaus Indlekofer, Marc Leinweber und Michael Zacherle bemühte sich um Spenden bei KIT Einrichtungen, Institutionen, öffentlichen Einrichtungen, Unternehmen und Vereinen.

Bei dieser Chorreise konnten Sänger*innen und Instrumentalist*innen sowie Familienangehörige und Freunde noch auf eine ganz neue Weise aktiv an der Gestaltung der Konzertreise teilhaben. Durch den Einstieg in eine Crowdfunding-Aktion im Rahmen der Initiative Gemeinsam für unsere Stadt der Volksbank Karlsruhe: Eine Vielzahl an Befürwortern spendeten bis zum 11. Oktober Beträge ab 10 Euro, um den Studierenden in der Reisegruppe eine bezahlbare An- und Abreise sowie Übernachtung für maximal 100 Euro zu ermöglichen. Es galt die Summe von 5000 Euro zu erreichen, damit die Volksbank die ursprüngliche Summe mit einem zusätzlichen Spendensegen (10 Euro pro Spender) aufstockte. Die Aktion konnte zur großen Freude der Initiatoren, unter ihnen Stefan Meyer und Barbara Eichler, am 11. Oktober erfolgreich abgeschlossen werden. Die anvisierte Projektsumme überschritten die 149 edlen Spender, darunter auch Alumni des Chores, sogar deutlich. Wir danken an dieser Stelle allen Unterstützern!

Beim Kofferpacken dachten wir natürlich an die Kleiderordnung für das Konzert: Neben schwarzer Konzertkleidung plus weißer Hemden für die Tenöre und Bässe packten die Sänger*innen ihre weinroten Tücher und Fliegen als Markenzeichen des Chors ein. Unsere Zeremonienmeisterinnen Arnika Sudhaus und Silke Müller-Hagedorn hielten für Vergessliche auf jeden Fall ein paar Notexemplare bereit. Adapter für die britischen Steckdosen durften auch nicht fehlen.

Dienstag, 1. Oktober: Zu Lande, zu Wasser (oder via Luft) – auf nach Nottingham!

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Überfahrt nach Dover (Bild 1)
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Überfahrt nach Dover (Bild 2)
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Überfahrt nach Dover (Bild 3)

Einige Chormitglieder fuhren statt mit Bussen mit dem Eurostar-Zug oder flogen nach London oder Birmingham und das letzte Stück mit dem Zug, um Nottingham zu erreichen. Die meisten Teilnehmenden starteten jedoch am Abend des 1. Oktober mit drei Bussen vor dem Alten Stadion auf dem KIT Campus Süd gen Nottingham. Die Aufteilung der Mitfahrenden auf die Busse war schon vorab festgelegt worden. Das Beladen der Busse war nicht ohne: Gerade das Verstauen der Kontrabässe stellte sich dann beim doppelstöckigen Bus als recht herausfordernd dar. Jeweils vier Personen hievten die Instrumente in den Bus, dann auf die Treppe und zuletzt mit Schieben, Drehen, Hieven, Drücken, Kippen und Zurückdrehen auch auf das oberste Deck – ohne dass bei den empfindlichen Bässen der Hals geknickt oder der Körper eingedrückt wurde. In Bus zwei gab es ebenfalls kurzzeitig einen Stau beim Boarding, denn die Vielzahl an Celli belegten zu viele Sitzplätze, sodass die veranschlagte Einteilung nicht aufging. Aber auch dieses Problem konnte behoben werden. Schließlich waren 140 Sängerinnen und Sänger, Orchestermitglieder mit ihren Instrumenten sowie das gesamte Gepäck ordnungsgemäß im Bus verstaut, und es konnte endlich losgehen. Die Fahrer des Busunternehmens Trischan hatten dabei das akademische Viertel schon eingerechnet – die Abreise fand kurz vor 21 Uhr statt.

In bester Stimmung und etwas aufgekratzt unterhielten sich die meisten Mitfahrenden. Ein paar Unermüdliche stimmten verschiedene Weisen an, während andere lasen oder versuchten zu schlafen. Durch die Fahrpersonalverordnung mussten auf der Hinfahrt vier Pausen eingeplant werden. Bei der zweiten Pause gab es einen Fahrerwechsel, die erste Fahrercharge konnte sich somit per Auto wieder auf die Heimfahrt in die Pfalz machen.

Nach einer 10-stündigen Busreise ging es dann am frühen Mittwochmorgen in Calais auf die Fähre nach Dover. Es war beeindruckend zu sehen, wie drei große Busse neben- bzw. hintereinander am Fährbug standen. Im oberen Teil des Schiffes angekommen, verteilten wir uns auf die verschiedenen Ebenen und Sektionen des Schiffs. Während sich die meisten mit frisch gebrühtem Kaffee und einem Muffin stärkten oder es sich mit mitgebrachtem Gebäck vor den großen Fenstern gemütlich machten, erkundeten andere das ganze Schiff oder gingen im Duty-free-Shop einkaufen. Den unerschrocken an Deck Gebliebenen bot sich eine großartige Aussicht auf den Ärmelkanal bei Sonnenaufgang, eine steife Brise im Gesicht und der direkte Kontakt zu den Elementen – Erinnerungen an das gemeinsame Konzert 2014 „A Sea Symphony“ von Ralph Vaughan Williams wurden wach... Insgesamt gestalte sich die Überfahrt ruhig. Ein Schiffsbarkeeper berichtete auf der Rückreise, dass es in den vergangenen fünf Tagen außergewöhnlich wenig Seegang gegeben hatte, eine Woche vorher hingegen Sturm und hohe Wellen. Glück gehabt…

Schließlich konnte die Reisegruppe wie geplant gegen 9:15 Uhr englischen Boden betreten. Ausgeruht und erfrischt stiegen wir wieder in die drei Busse, um uns die letzte Etappe der Tour von unseren Busfahrerinnen und -fahrern chauffieren zu lassen.

Mittwoch, 2. Oktober: Ankunft und „Beschnuppern“ von Nottingham

Am Mittwochnachmittag erreichten schließlich die drei Busse gegen 15:45 Uhr mit rund 140 Teilnehmern das Jurys Inn Hotel in Nottingham. Daraufhin verteilten sich Choristen und Instrumentalisten auf Ein- bis Dreibettzimmer in den zehn Stockwerken des Hotels, das direkt neben dem Bahnhof gelegen ist. Der Abend stand zur freien Verfügung und viele Sängerinnen, Sänger und Instrumentalisten erkundeten die Geheimnisse der britischen Küche.

Donnerstag, Vormittag des 3. Oktober: Die Geheimnisse von Nottingham

Jeden Morgen konnten wir uns im Hotel an einem reichlichen Frühstücksbuffet stärken, bei dem ebenso Liebhaber des klassischen English Breakfast mit Baked Beans und Crumpets wie gesundheitsbewusste Frühstücker mit Cerealien- und Obstauswahl auf ihre Kosten kamen.

Im Anschluss brach die Mehrzahl der Sänger*innen und Instrumentalist*innen am Donnerstag in verschiedenen Gruppen zu Stadtführungen auf. Während die erste Gruppe mit 30 Personen eine deutsche Übersetzung erhielt, startete die große Gruppe mit 60 Personen unter Leitung des Nottinghamer Original Bryn von Hello Notts-Tours zu einer Guided walking tour of Nottingham. Der Treffpunkt: vor dem Nottinghamer Rathaus (Council House) auf dem Old Market, wo uns die zwei berühmten, steinernen Portallöwen begrüßten. Der Linke (bei Blick auf das Rathausportal!) dient als beliebter Treffpunkt der Nottinghamer Bürger*innen.

Zunächst erzählte uns Bryn die ursprüngliche Geschichte Nottinghams, die im 6. Jahrhundert begann. Nottingham wurde als angelsächsische Siedlung gegründet und im 9. Jahrhundert auch von den Wikingern erobert. Den zwischenzeitlichen Stadtnamen Snottingham nach dem angelsächsischen Häuptling Snotta vermisst heute bestimmt kein Einwohner mehr: Snotty heißt auf Englisch „rotzig“ oder „gemein“. Wilhelm der Eroberer ließ 1068 ein erstes Schloss errichten. Heute hat Nottingham rund 310.000 Einwohner.

Natürlich durfte bei der Stadtführung der Besuch des Nottingham’s Lace Market nicht fehlen: Queen of the Midlands war der vielsagende Name für Nottingham im 19. Jahrhundert, da hier eine sehr spezialisierte Industrie die beste Spitze der Welt produzierte. Das Zentrum dieser Industrie lag inmitten des Lace Market-Viertels auf einer großen, breiten Straße, dem Broadway. Um 1880 arbeiteten 17.000 Menschen in der Spitzenindustrie und 90 Prozent davon waren Frauen, was Nottingham zum beliebten Ort für das „Matchmaking“, die Ehevermittlung, machte. Ein Erbe, das laut Stadtführer Bryn auch aktuell noch fortgesetzt wird, indem Nottingham in England als DIE englische Stadt für Junggesell*innenabschiede gilt.

Die nächste Station auf unserer Tour war das Exchange Shopping Centre in der High Street, das – am 22. Mai 1929 durch den späteren König Edward VIII eröffnet – die älteste Shopping Arcade der Stadt ist. Das Einkaufszentrum mit beeindruckender Glaskuppel und opulenten Deckenmalereien war Teil einer städtischen Bauinitiative, in deren Rahmen auch das Rasthaus gebaut wurde. Heute beherbergt es 17 exklusive Shops, wobei das Angebot an Damenmode überwiegt, aber auch ein paar Cafés zum Verweilen einladen.

Weiter ging es zu einem Haus aus den 1980ern, auf dessen Breitseite Nottinghamer Berühmtheiten verewigt wurden. Bryn stellte uns Persönlichkeiten wie Lord Byron und den Designer Paul Smith vor. Auch die Verknüpfung der Kult-Comic-Figur Batman mit Nottingham enthüllte uns der Guide: Bewohner des Dorfes Gotham in Nottinghamshire gaben der Batman-Stadt ihren Namen. Im 13. Jahrhundert waren sie berühmt-berüchtigt für ihre auffällige Lebensweise – sie lebten scheinbar in Bäumen, verständigten sich mit Tierlauten. Eventuell ein Tarnversuch, um den Steuereintreibern des Nottinghamer Sheriffs ein Schnippchen zu schlagen. Ähnlich „durchgeknallt“ benahmen sich für den US-Schriftsteller Washington Irving auch die Bewohner New Yorks und so übertrug sich der britische Ortsname auf die amerikanische Metropole. Heute wird Gotham nur noch als Name der Comic-Stadt benutzt. Diese Anekdote blieb nicht unsere einzige Begegnung mit Batman ...

Ein kurzer Abstecher führte uns zu unserer Konzertstätte, der Kirche St. Mary’s im Herzen des historischen Lace Market-Viertels, die als älteste religiöse Stätte Nottinghams und größtes mittelalterliches Gebäude der Stadt mit der Chantry Tür von ca. 1370 auch die älteste erhaltene Tür in Nottingham besitzt. Schräg gegenüber von St. Marys riskierten wir von außen einen vorsichtigen Blick in das National Justice Museum, in dem man, mit etwas mehr Zeit ausgestattet, schaudernd Gefängniszellen nach historischem Vorbild besichtigen kann.

Besonders inspirierend fanden viele auf der Stadttour den kurzen Rundgang im Restaurant Pitcher and Piano, das in der ehemaligen High Pavement Chapel untergebracht ist. Die Ostfenster schufen Künstler der Werkstatt des berühmten Jugendstilkünstlers Morris. Philip Burne-Jones lieferte die Designs. Einige kehrten später zum Essen in das Restaurant zurück.

Weitere Stationen der Stadttour waren das Gebäude, in der sich einst die Haywood’s Factory befand, in der der Schriftsteller D.H. Lawrence 1901 arbeitete, Verfasser des Skandalromans Lady Chatterley‘s Lover. Und das prachtvolle Stadthaus Newdigate House, in dem nach verlorener Schlacht 1704 bei Blenheim der französische Marshall Tallart in standesgerechtem Interieur durch den Duke of Marlborough sechs Jahre festgesetzt wurde. Er brachte nicht nur das Billard nach England, sondern gewährte während seines Arrests der britischen, weiblichen Noblesse Einblicke in die französische Küche samt Weißbrot und Salaten und öffnete nach einem Besuch der Marschen bei Lenton die englische Küche für den Sellerie.

Leider konnten wir das Nottingham Castle nicht besuchen, da es bis 2022 umfassend restauriert wird. So blieb uns nur ein längerer Aufenthalt an der Mauer des Schlosses bei der Robin Hood-Statue und -Wandreliefen, bei denen wir von Bryn vieles über die Entstehung des im Mittelalter zum ersten Mal auftauchenden Mythos vom Retter der Armen und Entrechteten und dessen historischen Wurzeln erfuhren: So zum Beispiel, dass die weibliche Heldin Marian ursprünglich eine französische Figur war, die in den Mythos integriert wurde.

Zum Abschluss unserer Tour mit Bryn besichtigten wir das (angeblich?) „älteste Inn Englands“, das in den Felsen unterhalb des Nottingham Castle gebaut und bei dem der Übergang zwischen Höhle und Haus fließend ist. Die erste Erwähnung des Inns fand im Jahr 1189 statt. An der Stirnseite des Ye Olde Trip to Jerusalem hängt ein grob geschmiedetes Schwert, um das sich viele Geschichten ranken, unter anderem, dass ein Kreuzritter seiner mittellosen Verlobten das Schwert überlassen habe, bevor er in den Feldzug aufbrach, was ihm – nun waffenlos – in der ersten Schlacht schlecht bekam und ihn nicht wiederkehren ließ. In den verwinkelten Räumlichkeiten bestaunten wir auch ein Schiffsmodell hinter Glas, das man auf keinen Fall entstauben darf, sonst trifft den Putzwütigen ein tödlicher Fluch.

06-Breakfast
English Breakfast im Jurys Inn
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Beginn unserer Stadtführung in Nottingham
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Der Lace Market in Nottingham
09-Exchange_Shopping_Centre
Das Exchange Shopping Centre in Nottingham
10-Nottingham
Nottinghamer Berühmtheiten auf einer Hauswand
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St. Marys in Nottingham
12-Robin_Hood
Robin Hood
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Schiffsmodell im Ye Olde Trip to Jerusalem

Donnerstag, Nachmittag des 3. Oktober: Wollaton Hall – Filmkulisse und museales Highlight im Grünen

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Wollaton Hall
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Papierkunstwerk in Wollaton Hall
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Probe im Department of Music an der University of Nottingham (Bild 1)
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Probe im Department of Music an der University of Nottingham (Bild 2)

Um 13 Uhr ging es dann mit zwei Bussen nach Wollaton Hall & Gardens. Wollaton Hall – entworfen von Robert Smythson und von Sir Francis Willoughby zwischen 1580 und 1588 für seine Familie erbaut – liegt auf einem natürlichen Hügel, drei Meilen westlich des Stadtzentrums. Umgeben ist es von 200 Hektar Gärten und Parklandschaft. Seit 1926 beherbergt es das Natural History Museum ebenso wie nachempfundene Zimmereinrichtungen im Stil der Zeit. 2012 wählte es Warner Bros für seinen Batman-Film Dark Knight Rises als Filmkulisse und machte es zur Heimat von Bruce Wayne alias Batman, zu Wayne Manor.

Neben dem Herrenhaus konnten wir das Kamelienhaus und den Park besuchen. Auch für kleine Wanderexkursionen zu einem naheliegenden See und in die umgebenden „Woods“ fand sich Zeit. Im Cassandra Willoughby Room konnten einige die Geschichte der Familie und der naturkundlichen Sammlung kennenlernen: Mit nur 17 Jahren bereitete Cassandra die Sammlung ihres Vaters für die Öffentlichkeit auf und führte mit ihren Brüdern Francis und Thomas Wollaton Hall wieder zu früherem Ruhm. Zudem schrieb sie ein Buch zur Familiengeschichte und über die Arbeit für die Sammlung, das als Inspiration für zeitgenössische Papierkunstwerke eines Künstlerkollektivs in Buchform diente, die ausgestellt wurden.

Ein weiteres, besonderes Highlight ermöglichte uns der Carlton Male Voice Choir: Speziell für unsere Gruppe öffnete an einem Schließungstag der National Trust, das Industriemuseum in den Courtyards, den umgebauten Ställen, in denen sich mächtige Dampfmaschinen, beeindruckend große landwirtschaftliche Maschinen, Fahrzeuge, Webstühle der Spitzenindustrie und viele weitere Industriedenkmale befinden. Kostümierte Museumsmitarbeiter brachten uns zudem das Alltagsleben der Nottinghamer, zum Beispiel eines Heimarbeiters der Spitzenindustrie, zur Zeit Victorias, näher.

Am späten Nachmittag widmeten wir uns dann der Konzertvorbereitung: Von 17:00 bis kurz vor 20:00 Uhr probten wir in der Rehearsal Hall des Department of Music an der University of Nottingham. Unter die Arme griffen uns dabei – wie bereits erwähnt – die Musiker des Robin-Hood-Youth-Orchestra Nottingham, die die instrumentalen Schlagzeug- und Percussionparts der Messe übernahmen. Dabei mussten die Jugendlichen Jamaal und Keelan auf Anhieb mit der Art und Weise des Dirigats von Nikolaus Indlekofer umzugehen wissen, um erfolgreich zu einem schon eingespielten Ensemble dazu zu stoßen. Unterstützt von ihrem Teamleader Graham fanden die beiden schnell in den Rhythmus. Als wir den Probenraum betraten, erwartete uns ein professionelles Chorpodest und eine komplette Bestuhlung für Orchester und Chor: diese Ausstattung war von helfenden Studierenden der Universität nach voriger Absprache und Arrangement aufgebaut worden. Auch die Akustik in dem speziell ausgestatteten Raum führten zu einer sehr konstruktiven Probenatmosphäre. Eine wichtige Rolle spielten auch die Leiterin der Music Programmes at Nottingham Lakeside Arts, Dr. Catherine Hocking, der unser herzlicher Dank gilt. Zusammen mit dem Organisationsteam konnte sie noch während der laufenden Probe fehlende Instrumente wie Pauken und Trommeln herbeischaffen – und ließ dazu einen geplanten abendlichen Konzertbesuch „sausen“, um uns zuzuhören und uns zu unterstützen.

Freitag, 4. Oktober: Von tiefen Höhlen und hohen Tönen – unser Konzerttag in Nottingham

Am Vormittag des Freitags erkundeten wir eine geheimnisvolle Seite Nottinghams: die City of Caves. Eine „Landschaft“ aus bis zu 450 Sandsteinhöhlen, die das Nottinghamer Stadtgebiet „unterwandert“, und die beinahe dem Bau des Broadmarsh Shopping Centre zum Opfer gefallen wäre. Es konnte aber gerettet werden und ist heute für regelmäßige Besuchstouren frei gegeben. Ab 09:00 Uhr starteten wir in sieben Gruppen à 20 Personen im Viertelstundentakt samt Guide in das verwinkelte System, dessen Höhlen bereits ab dem 4., vor allem aber ab dem 11. Jahrhundert genutzt wurden. Ob nun als Zugang zu Brunnen, Bierlager, als Pub-Erweiterung, als Gerbstätte für Leder oder Fäkaliengrube. Sie dienten sogar als Wohnstätten für mittellose Familien, deren Wohnweise in bestimmten Höhlen rekonstruiert wurde. Nachdem die Höhlen im 18. Jahrhundert fast vollständig verlassen wurden, boten sie im zweiten Weltkrieg den Bürger*innen von Nottingham Schutz vor den Luftangriffen, auch hierzu gab es eine Rekonstruktion. Dass sich solche Höhlen auch prächtig für geheime, aufständische Zusammenkünfte eigneten, zeigten kleine, an die Oberfläche führende Schächte, durch die Kinder die in den Höhlen geheim zusammentreffenden Aufständischen vor der eintreffenden Polizei warnen konnten, indem sie Kieselsteine von oben herabfallen ließen.

Nach kurzer Mittagspause startete um 14:00 Uhr die intensive zweistündige Generalprobe in St. Mary‘s, zu der dann auch die bereits erwähnten Musiker aus London dazustießen. Die gotische Kirche, hauptsächlich zu Beginn des 15. Jahrhunderts erbaut, diente ab Beginn des 16. Jahrhunderts auch als Sitz einer Schule (heute: Nottingham High School), die ab Mitte des 18. Jahrhunderts Vorreiter der Sonntagsschulbewegung wurde. Im 18. Jahrhundert brachte man Feuerwehrautos darin unter, was ein Zeichen für einen Niedergang als sakrales Gebäude darstellte. Nach fünf Jahren Restaurierungsarbeiten konnte die Kirche aber erfreulicherweise im Mai 1848 unter dem Bischof von Lincoln, John Kaye, wiedereröffnet werden.

In der Kirche erwartete uns ein fertig aufgebautes und professionelles Podest, das steil in Richtung Kirchendecke zu streben schien. Auch hier wollen wir uns ganz herzlich bei den Helfern der Kirche um Kirchendiener Duncan bedanken, die sich mächtig ins Zeug legten. Nach der Generalprobe versammelten wir uns vor dem Konzertort für ein Gruppenfoto.

Um 19:00 Uhr eröffnete dann der über 30 Herren umfassende Carlton Male Voice Choir das Konzert und bot Stücke wie traditionelle Shantys, das Halleluja von Leonard Cohen oder als schwungvolles Schlussstück den Musical-Hit Tschiti Tschiti Bäng Bäng vor einer gut gefüllten Kirche. Unter den Zuhörern fanden sich auch die Nottinghamer Bürgermeisterin Rosemary Healy, auch Musiklehrerin beim Nottinghamer Music Hub, und die Nottinghamer Sheriffin Patience Uloma Ifediora. Aus Karlsruhe lauschten Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup, Kulturbürgermeister Dr. Albert Käuflein sowie die Karlsruher Leiterin des Kulturamtes, Susanne Asche, unserem Konzert. Nach der Pause konzertierten wir und die Instrumentalisten der KIT Philharmonie dann unter der Leitung von Nikolaus Indlekofer mit Ethel Smyths Messe – mit den Solisten Angelika Lenter (Sopran), Sandra Stahlheber (Alt), Johannes Kaleschke (Tenor) und Christian Dahm (Bass). Das Publikum belohnte uns am Ende mit langem, anhaltendem und begeistertem Applaus.

Im Anschluss bewirtete uns direkt in der Kirche freundschaftlich die Castle Rock Brewery, direkt gegenüber der Kirche gelegen: Neben Finger Food gab es für alle das Städtepartnerschaftsbier „Fest Bier“, das die Brauerei eigens gebraut hatte. Zu später Stunde erfüllte der Chor das Gotteshaus noch mit Liedern der deutschen Romantik, was bei einigen der älteren Zuhörer bzw. Gäste für Tränen der Rührung sorgte.

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Besichtigung der City of Caves (Bild 1)
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Besichtigung der City of Caves (Bild 2)
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Gruppenfoto vor St. Mary's
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Der Carlton Male Voice Choir bei unserem gemeinsamen Konzert
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KIT Konzertchor und Philharmonie bei unserem gemeinsamen Konzert

Samstag, 5. Oktober: Abschied mit Streichern und Trompeten

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Musikalische Einlage beim Warten auf die Abreise

Am Vormittag stand den Sänger*innen und Instrumentalist*innen nochmals Freizeit zur Verfügung, bis um 14 Uhr die Busse Richtung Deutschland starteten. Dies geschah nicht ohne musikalische Einlage: Mit dem Song Wild World boten drei Cellisten der KIT Philharmonie eine stimmungsvolle akustische Kulisse vor der Abfahrt, bei der die wenigen Zugfahrer und Flugreisenden winkend zurückblieben. Ebenso fand sich ein kleiner Kreis der Blechbläser auf dem Platz vor dem Hotel ein und gab ein paar klassische Blasmusikstücke und Polkas zum Besten. Am Abend erreichten wir Dover und schifften uns wieder auf die Fähre nach Calais ein. Nach einer entspannten Fahrt kamen die Busfahrenden am frühen Sonntagmorgen gegen 08:00 Uhr wieder gut Zuhause an, Köpfe und Herzen voller neuer Erinnerungen, erfüllender Musik und freundschaftlicher Begegnungen.

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Ohne viele Unterstützer und helfende Hände wäre diese Reise auf keinen Fall möglich gewesen. An dieser Stelle danken wir von Herzen folgenden Einrichtungen und Institutionen:

 

Autoren: Tatjana Rauch, Michael Zacherle, Florian Ehmele, Marc Leinweber.

Fotos: Stadt Karlsruhe, Christian Aldus, Florian Ehmele, Tatjana Rauch, Michael Zacherle.